Lawinen - der "Weisse Tod"
"Oh Mensch betracht woll disen Fall. Hier
liegen 84 Personen an der Zahl zusammen
begraben, die umkomen im Schnee den 18.Tag
Hornung. 1720 Jahrs ists gesche. O Gott, dier
sei es klagt. Erbarmen dich der Armen Seelen in
diesem Grab."
Das Leben in den Berggebieten ist hart. Der Umgang mit der Natur prägt die Menschen. Die Launen der Natur zu akzeptieren gehört zum Alltag der Walser. Das einleitende Zitat, das an einer Gedenktafel in der Kirche von Obergesteln verewigt ist, zeigt auf eindrückliche Art und Weise, wie eine Lawine Tod und Verderben in ein Bergdorf bringen kann. Dass die Walser, die sich "in den gebirgen und den wildinen" ihre neue Heimat schufen, den Naturgefahren besonders ausgesetzt sind, erklärt sich von selbst. Einige Beispiele sollen diesen Umstand verdeutlichen.
Das bündnerische Tujetsch war vor der Besiedlung eine gewaltige, mit Wald bedeckte Einöde. Die ersten Einwohner begannen das Gebiet in mühseliger Arbeit zu roden, zum Teil auch die steilen Abhänge. Diese notwendig gewordenen Arbeiten sollten den Bewohnern im Winter zum Verhängnis werden. Verheerende Lawinen stürzten zu Tale. Das grösste Unglück ereignete sich am 6. Februar 1749, als eine Lawine einen grossen Teil des Dorfes Rueras verschüttete und 64 Personen tötete.
Aus der Walserkolonie Bosco Gurin sind ähnliche Fälle zu berichten. Der Schwerpunkt der ersten, im Hochmittelalter gegründeten Siedlung befand sich in der Talsohle ufum Hengåårt und im Boda jenseits des Baches. Verheerende Lawinenniedergänge in den Jahren 1695 und 1749 zwangen die Guriner zur Aufgabe dieses Siedlungsplatzes.
In zahlreichen mündlichen Überlieferungen aus Galtür wird von endlosen Ketten von Katastrophen berichtet: Lawinen und Hochwasser, Muren und Steinschläge haben die Menschen heimgesucht, zuletzt im Lawinenwinter 1999 (vgl. unten)
Am 14.Januar 1899 hat in Münster eine Lawine den Wald im Eiget (südlich des Dorfes gelegen) grösstenteils vernichtet und auf den Reckinger Ebneten 7 Gebäude zerstört. Gemäss Überlieferungen soll der Schnee in der Schlucht am Rotten erst nach drei Jahren vollständig weg geschmolzen sein. Gerade das letztgenannte Beispiel ist interessant, weil sich das Ereignis im Lawinenwinter 1999 quasi auf identische Art und Weise wiederholt hat.
Mit der Besiedlung des Alpenraums beginnen die Geschichten über Lawinen. Damals galten Eis- und Schneelawinen aufgrund ihrer Unberechenbarkeit zu den bedrohlichsten Formen von Naturkatastrophen. Solange man nichts Genaues über die Entstehung von Lawinen wusste, glaubte man, sie würden von bösen Geistern, Hexen oder gar als Strafe Gottes ausgelöst werden. Im Spätmittelalter wurde die Schutzwirkung des Waldes bekannt und man belegte die wichtigsten Wälder mit Bann.
Gerade das Beispiel aus dem Tujetsch zeigt auf, dass die Walser diesbezüglich in einer Zwickmühle gewesen sind, denn das Anlegen von Wohnsiedungen machte die Waldrodungen notwendig.
Aus alten Chroniken geht hervor, dass sich die Leute verschiedenste Gedanken über den Auslösemechanismus dieser zerstörerischen Naturgewalt machten. Man beobachtete, dass kleinste Erschütterungen oder Geräusche, verursacht durch Peitschenhiebe, Rufe oder Glöckchen, genügten, um gesamte Schneemassen in Bewegung zu setzen, auch die künstliche Auslösung von Lawinen mit Schneebällen war bekannt. Man konnte sich verstellen, dass ein einfaches Klatschen ausreichen würde, um eine Lawine auszulösen, die gross genug war, um eine ganze Ortschaft unter sich zu begraben. Selbstverständlich war auch bekannt, dass grosse Erwärmungen die Schneemassen zum Absturz bringen konnten.
Der Schutz vor Lawinenniedergängen wurde auch in den Walsergebieten immer wichtiger. Im Goms wurden beispielsweise bei älteren Bäumen, die man fällte, Strünke stehen gelassen, welche die Lawinen zurückhalten sollten. Dazu hat man im Verlaufe der Zeit in den Abbruchstellen Verbauungen vorgenommen. Diese Verbauungen bestehen grösstenteils aus Trockenmauern, die quer zum dem Hang entlang geführt werden, wo die Lawine gewöhnlich losbricht. Zum Teil gibt es lange Pfahlreihen, die am Rand einer künstlich angelegten horizontalen Terrasse eingeschlagen werden. Hinter den Mauern werden dann Lärchen, Fichten und Arven gepflanzt, damit mit der Zeit der Wald die Schutzrolle übernimmt.
Diese verschiedenen Formen der Lawinenverbauungen sind in Walsergebieten weit verbreitet.
In der Gemeinde Oberwald beschädigte 1720 eine Lawine die neu erbaute Kirche. Das Turmdach und die Sakristei wurden dabei zerstört. Seitdem schützt ein bis zum Dachgiebel reichender Lawinenabwurf aus Trockengemäuer die Kirche vor Lawinen. Am 20. Januar 1951 wurde Oberwald von drei Lawinen eingeschlossen. 18 Stück Vieh fanden dabei den Tod und viel Schutzwald ist umgelegt worden. In der Folge entstand der Schutzdamm östlich des Dorfes, und man baute viele Verbauungen zur Verhinderung der Anbrüche.
Ursprünglich bestand diese Mauer aus zwei nach oben sich zu einem spitzen Winkel vereinigenden Mauern (∆). Dieselben wurden aber von den Lawinen eingedrückt. Man machte infolgedessen innen eine Quermauer, so dass der Abwurf im Grundriss die Form eines A besass. Auch diese Konstruktion erwies sich als zu wenig solid, so dass die Mauer jetzt ganz massiv ist.
Eine ähnliche Vorgehensweise ist auch aus Galtür bekannt. Obwohl die Galtürer durch die jahrhundertelange Auseinandersetzung mit der Natur sehr exakt die Grenzen des besiedelbaren Raumes erkannten, wurden bereits im 17. Jahrhundert die ersten Schutzmauern gegen Lawinen errichtet. Die Kirche im bünderischen Frauenkirch bei Davos, ein Bau aus dem 14. Jahrhundert, welcher "unserer lieben Frau" geweiht ist, erhielt vermutlich im 16. Jh. ebenfalls einen Spaltkeil als Schutz vor Lawinen.
Die Walser sind seit jeher von Lawinenniedergängen heimgesucht worden und der Schutz vor dem "Weissen Tod" gehört zu den wichtigen Massnahmen der Walserkolonien.
Matheo Eggel
Quellen:
Zinsli, Paul: Walser Volkstum, Erbe, Dasein, Wirkung , Chur 7. Auflage 2002.
Stebler, F.G.: Das Goms und die Gomser. Zürich 1903.
Hoppeler, Robert: Beiträge zur Rechtsgeschichte der Talschaft Savien im Mittelalter, Chur 1908.
http://www.tujetsch.ch/xml_1/internet/de/application/d78/f82.cfm (18.03.2007)
http://www.walser-alps.eu/walser.regionen/tessin (18.03.2007
http://www.geschichte-tirol.com/ortsgeschichte/bezirk-landeck/galtur-163.html (17.03.2007)
http://lawinen.nweb.ch/p02.html (18.03.2007)
http://lawinen.nweb.ch/geschichte.html (18.03.2007
www.wsl.ch).(18.03.2007
www.oberwald.ch (19.03.2007).
www.gemeide-davos.ch/.../fotogalerie/10.jpg (19.03.2007).


















